Heike-Christiane Neder 
 
Ein Portrait des Malers und Illustrators Friedrich Hechelmann 
 
Das Unsichtbare sichtbar machen
 
Der Weg führt steil bergauf auf durch dichten Tannenwald das geheimnisvolle Halbdunkeln öffnet sich plötzlich und gibt den Blick frei auf den Schiedelhof. Hier lebt und arbeitet der 1948 in Isny im Allgäu geborene Maler, Filmemacher und Illustrator Friedrich Hechelmann.
Nach Lehr- und Studienjahren bei Professor Hausner in Wien, zog es ihn zurück in die reizvolle Allgäuer Alpenlandschaft, die in der ihm eigenen Form Gegenstand der meisten seiner großformatigen Bilder ist.
 
Auf das Ziehen an der Hausglocke dringt deren leiser Klang aus dem Innern an mein Ohr. Im Haus beginnt es zu rumoren. Geheimnisvolle Geräusche folgen. Plötzlich wird die Tür geöffnet und Friedrich Hechelmann steht vor mir. Mittelgroß mit Jeans und hellblauem Kapuzenpulli. Was könnte ein Maler, der von sich behauptet, die größte Herausforderung sei für ihn, die Farbe Blau malerisch zu beherrschen und dessen Bilder fast nur in Blau-, Grün- und wenigen Gelbtönen gemalt sind, denn auch anderes tragen.
 
Den wiegenden Schritten des Malers folge ich in die Galerie, die der Mitarbeiter Josef Baschnegger leitet. Die im Vergleich mit den Abbildungen der Bücher riesigen Originale verschlagen mir zunächst die Sprache. Ein Großteil ihrer faszinierenden Wirkung ist bei den gedruckten Bildern, die ich bislang gesehen habe, verloren gegangen. So die enorme Plastizität und Leuchtkraft, auch die Farben sind viel intensiver, scheinen gleichsam zu leben.
Ein kleineres Bild mit einem Schneckengehäuse beeindruckt mich besonders. Es sieht aus, als sei hinter dem Bild eine Lichtquelle eingeschaltet. Hechelmann führt die staunende Betrachterin mit Freude durch die Galerie.
Er weiß um die Wirkung seiner Bilder, unbeteiligt, so sagt er, bleibe kaum jemand. In der Ausstellung in Osnabrück 1989 habe er sogar einmal erlebt, dass eine Frau einen regelrechten Ausbruch hatte. Mit dem Fuß habe sie auf dem Boden gestampft und gerufen:  „Nein, nein, so geht das nicht, so geht das nicht“. Die Assoziation an Rumpelstilzchen wird wach, zumal Hechelmann die Szene plastisch vorführt. Friedrich Hechelmann ist bei derlei Reaktion auf seine Bilder keineswegs entrüstet.
Das freue ihn, dass seine Bilder Wirkung hätten, dass sie etwas auslösen beim Betrachter. Unbewegt zu bleiben bei diesen Bildern fällt anscheinend schwer, denn die Bilder spiegeln nach meinem Empfinden die Ahnung einer hören Ordnung wieder. Der Betrachter fühlt sich in einer anderen Dimension, jnseits des rein Materiellen. Der Sichtweise eines göttlichen Wesens nicht unähnlich, so man an dessen Existenz glaubt. Was den Maler dazu bewegt, die Landschaft aus dieser Perspektive darzustellen, erklärt er wie folgt:
 
„Seit zig tausenden Jahren kann die Menschheit zum ersten Mal - wenn man die Zeitrechnung der Erde anschaut, dann ist das praktisch eine Sekunde - seit dieser Zeit können wir unsere Erde, unseren Planeten aus einer anderen Perspektive anschauen.  Das, was wir uns immer gewünscht haben, dieser sehnsuchtsvolle Wunsch der Menschheit ist zum ersten Mal in Erfüllung gegangen. Das ist vom Bewusstsein aus gesehen eine Sensation, und ich kann die Ignoranz der Kunst nicht begreifen, dass das keinen Niederschlag gefunden hat. Das hat unser Leben verändert, unser Bewusstsein verändert - wir können auch in unserem Bewusstsein einen Abstand kriegen zu dieser Welt, weil wir wissen, dass wir auf einer Insel leben. Das wussten wir alles vor 300 Jahren nicht, was wir jetzt wissen, das findet keinen Niederschlag in der Kunst. Da sage ich mir, was ist die Kunst da für ein Spiegel.“
 
Dass Kunst diese Möglichkeit zu einem veränderten Bewusstsein nicht nutzt, ist für Friedrich Hechelman auch ein Verlust an Utopie. Was für ihn nicht heißt, vor den Realitäten dieser Welt die Augen zu verschließen.  Aber die meisten Künstler tun so, als gäbe es das Positive, das Hoffnungsvolle überhaupt nicht mehr und das stimme eben nicht.  
 
"Allein die Energie und die Kraft der Natur, die immer noch existiert, die Vielzahl und die Kreationen der Natur, man ist ja förmlich erschlagen von diesen tausenden von Arten von Farnen und Gewächsen, das ist ja eine solche Energie, die um uns existiert und Jahrhunderte Thema war in der Kunst und in den Kulturen. Bei den Chinesen zum Beispiel, die Verherrlichung und die Darstellung der Natur, da hat nie eine Generation ausgereicht, um das wirklich rüber zu bringen. Und warum ist das eigentlich plötzlich nicht mehr? Die moderne Kunst tut so, als ob es die Natur nicht mehr gebe aber es gibt sie, sie ist noch da und dadurch ist sie auch Thema.
 
Hechelmann als einer der wenigen Chronisten einer zum Untergang bestimmten Welt? Keineswegs – der Zustand der Welt, so Hechelmann, ist auch eine Chance, denn wir, alle Menschen, haben die Möglichkeit, aus diesen Umständen Konsequenzen zu ziehen.
 
"Wir können sehr bewusst durch das, was wir wissen und das, was wir tun, durch unsere Reflexion auf Ethik, Rücksichtnahme, auf die Geschöpfe und die Übernahme der Verantwortung das Steuer herumreißen, und wenn es aus all diesen Gründen passiert, dann haben wir eine fantastische Basis für unsere Zukunft.“
 
Hechelnmann der Idealist, der sich in Ästhetik und schönen Schein rettet? Das Bedürfnis nach Kunst, nach Ästhetik sei ein ganz legitimes Bedürfnis des Menschen, so Hechelmann und wenn das nicht mehr wäre, "dann hätte er keine Hoffnung mehr“.
Er sehe als eine Reaktion auf seine Ausstellungen immer wieder, dass ein extremer Hunger nach Ästhetik, die in seinen Bildern zweifelsohne enthalten sei, bestehe.
 
"Ich merke, wir tun nicht viel mit meinen Bildern und Büchern, aber wenn sie angeboten werden bei Ausstellungen etc., werden sie uns quasi aus den Händen gerissen.“
 
Der Rundgang in der Galerie, die bereits aus allen Nähten platzt und demnächst erweitert werden soll ist beendet. Über eine Holztreppe, die eine malerische Tonkulisse erzeugt, gelangen wir ins Atelier. Zunächst fasziniert der Blick auf den Garten mit Teich und Pfauen.  Ein weißer Pfau – kein Albino, sondern eine besondere Rasse - schlägt ein Rad. An der Fensterfront nach Norden und Osten befindet sich jeweils ein Schreibtisch. Zwei Staffeleien füllen den Raum. Klassische Musik lässt die richtige Atmosphäre beim Malen entstehen.
 
Das, was den Maler gerade am meisten beschäftigt, sind Zeichnungen, die Idee zu einer Trilogie.
 
„..das ist eigentlich das Thema mit dem ich mich schon seit 20 Jahren beschäftige und das einfach noch nicht abgeschlossen ist. Der menschliche Körper, die Geburt oder Verwobenheit in der Materie, in diesen  Plissees dargestellt und dann die Befreiung daraus, dass der Körper dann darüber liegt, über den Plissees oder darauf liegt und dann die Erhebung. Praktisch Bewusstseinsprozesse, das Loslassen in eine andere Phase der Realität, auch ein Geburts- und Sterbeprozess, ein Abnabelungsprozess in eine andere Dimension.“
 
Die Bilder sollen auch wieder in Blau entstehen, was für Hechelmann, mich wundert es, auch eine irdische Farbe ist, denn Blau, so sagt er, "sei die Farbe des Äthers vom Kosmos aus.“
 
Es ist eben immer eine Frage der Sichtweise. Rot möge er, wenn überhaupt nur, wenn es Frauen tragen, sonst sei ihm die Farbe zu irdisch, fast ordinär. Rot ist aber erstaunlicherweise die bestimmende Farbe des Wohnbereichs, wohin wir uns jetzt begeben.
Das Rot der Perserteppiche. Hierzu erzählt Hechelmann eine lustige Begebenheit aus seiner Kindheit, die er von der Art der Wahrnehmung her für die intensivste Zeit seines Lebens hält.
Er könne sich genau daran erinnern, wie das Ornament des Teppichs ausgesehen hätte, als er laufen lernte.
 
„…und als ich dann später diese Dinge wieder sah, als ich erwachsen war, erinnerte ich mich noch, aber die Größenverhältnisse waren total anders. Die Ornamente vom Teppich, das waren so große Felder mit Blumen drin - ich war als Kind natürlich immer nah dran, so dass sie so riesig aussahen. Und plötzlich sah ich den Teppich und das war entsetzlich - plötzlich war er so klein.“
 
Aus den Träumen der Kindheit und den Eindrücken mit der Natur in dieser Zeit, aus der Liebe und Unergründlichkeit der Natur, daraus schöpfe er noch heute. Verständlich, dass sich Friedrich Hechelmann auf dem Schiedelhof eine märchenhafte Umgebung gestaltet hat, in einer scheinbar noch intakten Natur. Immer wieder dringen in dieser Idylle Laute der Pfauen ans Ohr, einer Musik nicht unähnlich. Friedrich Hechelmann hat eine ganz besondere Liebe zu Vögeln. Im Fernsehfilm über ihn von Gerhard Kunzelmann wird er befragt, was er denn gerne wäre. Wenn man so etwas überhaupt beantworten könne, so Hechelmann, dann wäre er gerne ein Vogel. Diese Antwort zeigt das Bedürfnis Hechelmanns nach Weite und verdeutlicht auch seine Liebe zur Farbe Blau - Blau wie er Himmel. Von der Größe her könne er in einer Kirche leben. Das lässt mich an eine ganz besondere Darstellung einer Kirche in einer Illustration Hechelmanns denken. Sie findet sich in dem Buch „Ein Weihnachtstraum“. Dort ist eine gotische Kirche so dargestellt, wie sie von ihrer Konstruktion her auf den Betrachter wirken sollten. Nach oben strebend, zu Gott, quasi dem göttlichen Licht entgegen. Der Mensch fühlt sich angesichts dieser Größe hilflos, aber auch geborgen und aufgehoben im Wissen um dieses Licht. Dies ist in der Darstellung von Friedrich Hechelmann sichtbar. Das heisst, Hechelmann macht in diesem, wie in vielen seiner Bilder „Unsichtbares sichtbar“.
 
Darauf angesprochen erläutert er: „Ja, das ist auch die Definition von so großen Wissenden wie Goethe und Schiller es zweifelsohne waren, und sie es für die Kunst ausdrückten, dass diese das Unsichtbare sichtbar mache.“
 
Dass jemand, der so große Ansprüche hat, es auf dem Kunstmarkt nicht immer leicht hat, erscheint mir verständlich.
Zu wünschen wäre es, dass Hechelmann auch mit seinem Anspruch auf Erhaltung und Schätzen der Natur noch sehr viel populärer wäre.